Debatte

Auf der Internetplattform deutsches-fussball-museum.de sollen künftig aktuelle Themen aufgegriffen und diskutiert werden, die sich grundsätzlichen Fragen der Geschichte des Fußballs, seiner Erforschung und Darstellung sowie seiner Musealisierung stellen. Die künftig veröffentlichten Beiträge sind als Anregung zu aktuellen Debatten gedacht.

Da sich gegenwärtig ein öffentliches Interesse auf das Projekt des Nationalen Fußballmuseums in Dortmund konzentriert, das der DFB, die Stadt Dortmund und das Land NRW in gemeinsamer Trägerschaft seit einigen Monaten in Angriff genommen haben, möchte ich mit dem Beitrag „Ein starkes Stück Geschichte“ von Daniel Küchenmeister und Dr. Thomas Schneider beginnen. Die Autoren schrieben ihn als Grundlage für eine fachinterne Diskussionsrunde mit Historikern und Sportfunktionären im Januar 2010. Anlass waren der 110. Jahrestag der Gründung des DFB und die Errichtung der ersten hauptamtlichen Geschäftsstelle des Verbandes in Dortmund vor 100 Jahren. Ich denke, der Text enthält Fragestellungen und Ideen, die über die konkreten historischen Jubiläen hinausgehen. Den Autoren sei an dieser Stelle Dank für die Möglichkeit der Veröffentlichung gesagt.


Ein starkes Stück Geschichte


„Nur wer sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, kann die Gegenwart verändern. Und nur wer sich in der Gegenwart engagiert, kann in die Zukunft wirken.“

(Dr. Theo Zwanziger in seiner Rede zur Verleihung des
Leo-Baeck-Preises)

Dass der Fußball in der deutschen Kultur und Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielt, ist spätestens seit dem Sommermärchen der WM 2006 unbestritten. Im aktuellen WM-Jahr werden die Wogen der Begeisterung wieder hoch schlagen. Gleichzeitig jährt sich die Gründung des DFB in diesem Jahr zum 110. Mal, und von ferne zeichnen sich die ersten Konturen des Nationalen Fußballmuseums ab, das 2014 in Dortmund eröffnen soll. Der größte Einzelsportverband der Welt stellt sich in den vergangenen Jahren zunehmend seiner historisch gewachsenen gesellschaftlichen Verantwortung, die auch in diesem Haus zum Tragen kommen muss.

Wenige Tage nach der Jahrhundertwende 1900 war die deutsche Gesellschaft immer noch voller Erwartung, denn die neue Zeit sollte der deutschen Nation doch Großes bringen. Das dachten sich auch die aus allen Teilen Deutschlands anreisenden Funktionäre des Sports, als sie sich in den Januartagen in Leipzig versammelten. Die Gunst des Kalenders hatte ihnen ein langes arbeitsfreies Wochenende beschert, da der Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. auf einen Sonnabend fiel. Indem die 3. Wahlversammlung der Deutschen Sportbehörde für Athletik und der erste Allgemeine Deutsche Fußballtag am 27. und 28. Januar 1900 stattfanden, signalisierte man nicht nur symbolisch Kaisertreue, sondern machte die Angelegenheit zugleich gesellschaftlich bedeutsam.

Sport war am Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland ein zunehmend beliebtes Freizeitvergnügen. Auch der moderne Fußball hatte sich durchgesetzt, Vereine waren seit einiger Zeit dauerhaft etabliert und regionale Verbände entstanden. 1900 war die Zeit gekommen, den Fußball reichsweit zu organisieren, als Dachverband des Sports und selbstbewusste gesellschaftliche Interessenvertretung. Die Pioniere der Gründergeneration stellten sich kein geringeres Ziel, als den Sport fest in der Gesellschaft zu verankern und Werte zu vermitteln.

Dass auf diesem Leipziger Fußballtag vor 110 Jahren die Gründung des heute weltweit größten Einzelsportverbandes beschlossen wurde, konnte bei aller erstaunlichen Umsicht und Weitschicht, mit der die noch jungen Menschen agierten, damals keiner ahnen. Wissen konnte auch noch keiner, welche wechselvolle und nicht selten widersprüchliche Geschichte der DFB durchlaufen würde. Doch einen ersten Schritt auf dem Weg zu einem Verband von herausgehobener Stellung und öffentlicher Beachtung in der Gegenwart leisteten die Delegierten und Gäste im „Mariengarten“, deren genaue Zahl nicht mehr exakt festzustellen ist.

Den 100. Jahrestag seiner Gründung im Jahre 2000 beging der Verband gebührend. Doch die unzureichende Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte brachte dem sonst strahlenden DFB Proteste ein. Die so genannte Havemann-Studie, die die Verstrickung und die aktive Rolle des Verbandes in System des Dritten Reiches untersuchte, wurde in Auftrag gegeben. Der DFB war – gerade noch rechtzeitig vor der WM im eigenen Land – einen längst überfälligen Schritt gegangen, der nicht ohne öffentliche Wirkung blieb und dessen Wirkung auf das kollektive Nationalbewusstsein und auf die Wahrnehmung im Ausland vielleicht sogar eine Voraussetzung für das Sommermärchen 2006 war, mitsamt seinem überbordenden Kulturprogramm und der politischen Dimension, die das Spektakel dank des zuvor ungekannten, Fähnchen schwenkenden Party-Patriotismus gewann.

Fußball ist nicht alles

Aber mehr noch: In diesem historisch gereiften Wissen um seine gesellschaftliche Verantwortung, auf der Grundlage eines zunehmend differenzierten eigenen Bildes von der Geschichte und mit dem ohnehin vorhandenen Gewicht seiner Popularität mischte sich der DFB in den letzten zehn Jahren immer wieder in die öffentlichen Debatten um gesellschaftliche, soziale und ethisch-moralische Fragen ein.

Mit aller Klarheit bezog man in jüngster Vergangenheit Position gegen die rassistischen und antisemitischen Tendenzen in den Fußball-Stadien. Und es wurden zahlreiche Projekte angeschoben, die sich der Ausländerfeindlichkeit stellen, den gegenseitigen Respekt voreinander und die Integration von Migranten fördern. Ein starkes Signal hierfür ist der seit 2005 vergebene Julius-Hirsch-Preis, der an den in Auschwitz ermordeten jüdischen Nationalspieler erinnert und an Personen und Initiativen vergeben wird, die sich konsequent für ein friedliches Miteinander der Fußballer und Fans sowie für die Verständigung der Völker über den Sport einsetzten.

Fußball wird vom DFB mehr denn je als Spiegelbild unserer Gesellschaft begriffen, sein integrativer, emanzipatorischer Charakter betont und seine Rolle, insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit, als Betätigungsfeld bürgerschaftlichen Engagements hervorgehoben. Allen voran ist es aber auch immer wieder DFB-Präsident Theo Zwanziger, der sich zu Wort meldet, wenn der Sport die Grenzen unserer Gesellschaft und Kultur aufzeigt. Seine Worte zum Tode des Nationaltorwarts Robert Enke mögen manchem zu weit gegangen sein, doch traf er in vielem nicht nur offenkundig den Nerv unserer Zeit, sondern sprach mehr oder weniger direkt auch über die Macht des Geldes, über Leistungsdenken, über die Ausgrenzung sozialer Gruppen und die Akzeptanz anderer Lebensformen. Sein Fazit: „Fußball ist nicht alles.“

Lehrstück der Nation

1910, also zehn Jahre nach seiner Gründung und heute vor 100 Jahren, ernannte der DFB mit Walter Sanß seinen ersten hauptamtlichen Geschäftsführer und verlegte seinen offiziellen Sitz nach Dortmund. In eben jener Stadt wird nun das Nationale Fußballmuseum entstehen, das jetzt schon auf eine enorme Erwartungshaltung trifft und von manchem als Pendant zum Deutschen Historischen Museum in Berlin oder zum Haus der Geschichte in Bonn gesehen wird, was bei der Bedeutung des Fußballs in unserem öffentlichen Leben auch kaum verwundern kann.

Das Haus, das 2014 mit hochmodernen Installationen sowie multimedialen und interaktiven Erlebnisangeboten seine Tore öffnen wird, wäre mit dieser Interpretation zweifellos überfordert. Gleichwohl sollte man seine künftige Wirkung auf Bild und Selbstbild der Deutschen nicht unterschätzen. Von entscheidender Bedeutung ist, dass der Verband als Initiator des Vorhabens in das Museum auch jenen Geist und Schwung trägt, der ihn in den letzten Jahren gesellschaftlich so bedeutsam gemacht hat: die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, die Reflexion der Gegenwart und die Vermittlung von Werten über den Fußball hinaus.

„Fußball ist ein starkes Stück Leben“ hatte Theo Zwanziger in seiner Enke-Rede Bischof Huber völlig treffend zitiert. Aber er ist vor allem auch ein starkes Stück Geschichte. Im Mittelpunkt des Fußballmuseums wird – so ist zu hoffen – die Entwicklung des Sports stehen, seine individuell und durch die Generationen kollektiv erlebte Vergangenheit, aus der sich die Zukunft ebenso speist wie aus der Hoffnung auf große Momente und Unterhaltung.

Die wechselvolle Historie des deutschen Fußballs ist als Lehrstück der Nation bestens geeignet und passt in die aktuellen gesellschaftlichen Diskurse in unserem noch jungen Jahrtausend. In Dortmund kann dem DFB wieder ein Meisterstück gelingen: Er kann sich so wie in den letzten Jahren als sozial verantwortlich handelnder Akteur in unsere Geschichte und Gegenwart einmischen und Fußball als gesellschaftlich wirksamen und prägenden Faktor in seiner historischen Dimension sichtbar und erlebbar machen.

Daniel Küchenmeister
Dr. Thomas Schneider